Ich sehe dich, siehst du mich? – Anstiftung zum bewussteren Umgang miteinander

Anstiftung zum bewussteren Umgang miteinander

Woran wollen wir uns orientieren?

Ich stelle in meinem Umfeld zunehmend fest, dass viele Menschen erkannt haben, dass das was sie tun und was wir als Menschen tun, nicht dazu beiträgt gesund zu bleiben und ein glückliches Leben zu führen. Die Menschen haben das Gefühl, dass das was sie tun gar nicht dazu führt ihre Begabungen und Talente zu entfalten sowie ihre Interessen auszuleben.

Ich stelle auch fest, und dabei schließe ich mich nicht aus, dass allerdings viele auch daran scheitern eine Veränderung zum Besseren zu erreichen, obwohl der Wille im ersten Moment dazu sein scheint.

Warum ist das so?

Etwas erkannt zu haben, heißt nicht, dass es uns auch innerlich berührt. Und wenn es uns nicht innerlich berührt, ändert sich auch nichts bei uns im Gehirn. Es wird von uns emotional nicht verarbeitet und es bilden sich keine neuen Nervenbahnen aus. Somit verankert sich kein neues Denken in unseren grundsätzlichen Handlungsmustern. Wir bleiben in unserem alten Film gefangen und können unser Verhalten nur kurzfristig, aber nicht nachhaltig verändern.

Ganz anders sieht es aus, wenn wir etwas nicht nur wissen oder erkennen, sondern wenn wir es zu verstehen beginnen. Der Unterschied ist hierbei, dass Wissen und Erkennen rein kognitiv ablaufen. Verstehen passiert dagegen kognitiv und emotional. Und Verstehen tun wir Dinge am besten, wenn sie mit einer Erfahrung verknüpft sind, bei der wir einen Transformationsprozess erleben. Das geschieht am Besten bei Erfahrungen, die wir uns bewusst entscheiden einzugehen. Sei es, weil wir neugierig, weil wir mutig oder auch einfach interessiert an einer Sache sind.

Als ich mich beispielsweise über die zunehmende Verschmutzung der Welt durch Plastikmüll aufregte, da ich eine Dokumentation darüber gesehen habe, nahm ich mir vor kein Gemüse in Plastikverpackung mehr zu kaufen. Wie du dir vorstellen kannst, ebbte meine Motivation aufgrund der fehlenden „einfachen“ Alternativen ab.

Als ich allerdings auf einer Afrikareise das Ausmaß von Verschmutzung von Plastik außerhalb der europäischen Welt hautnah erlebte, bildete sich eine emotionale Bindung zu dem Thema, die mich bis heute nicht mehr los lässt.

Wenn wir uns entscheiden aufgrund von intrinsischer Motivation eine bestimmte Erfahrung zu machen, ist in unserem Gehirn der Grundstein für die Veränderung der Nervenbahnen und einer nachhaltigen Veränderung gelegt.

Die grundlegende Frage, die du dir hierzu stellen kannst, ist:

Was für ein Mensch möchte ich sein?

Es geht nicht darum, was deine Eltern, deine Frau, dein Mann, dein Chef oder wer auch immer erwarten, wer du zu sein hast. Es geht nur darum, wer du sein möchtest und dafür ein Verständnis zu haben.

Diese Umstellung geht wahrscheinlich nicht von heute auf morgen. Ich selbst stelle immer wieder fest, dass alte Denkweisen sich auch immer wieder je nach Tagesform zurückmelden. Aber das ist Teil dieses Prozesses.

Aber gehen wir immer und immer wieder unseren Herzensangelegenheiten nach und lassen uns nicht mehr von anderen Menschen zum Objekt ihrer Erwartungen machen, werden wir verstehen, was im Leben wirklich wichtig ist.

Und wer das irgendwann verstanden hat, kann nicht mehr so weiterleben wie bisher. Er kann auch nicht mehr andere Menschen zum Objekt seiner Erwartung machen und folglich entsteht ein ganz anderer Umgang der Menschen miteinander.

Wenn ein Mensch einen anderen zum Objekt macht

Der Mensch hat das menschliche Grundbedürfnis einerseits nach Geborgenheit und andererseits nach Freiheit. Diese zwei teilweise gegensätzlichen Bedürfnisse leiten uns in unserem Handeln im sozialen Austausch mit anderen Menschen.

Werden diese Grundbedürfnisse verletzt, beispielsweise weil ein Kind zum Objekt der Erwartungen der Eltern gemacht wird, werden im Gehirn die gleichen Netzwerke aktiviert als wenn diesem Kind ein körperlicher Schaden zugefügt wird. Das heißt der Körper nutzt zum Aufzeigen einer sozialen Störung die gleichen Netzwerke wie bei einer physischen Verletzung.

Wie auch bei körperlichen Schäden reagiert unser Organismus bei solchen Verletzungen auf sozialer Ebene ziemlich schnell mit Gegenreaktionen. Das liegt daran, dass durch so eine Erfahrung unser Gehirn in einen so genannten inkohärenten Zustand versetzt wird. Das bedeutet, dass das Erleben nicht zu unserem Verständnis unserer Person und ihrem Platz in der Welt passt.

Das Kind aus unserem oberen Beispiel wurde durch das Verhalten der Eltern in seinen Grundbedürfnissen, in dem Fall Autonomie, beschränkt. Um diesen dadurch erlebten Schmerz zu kompensieren hat es mit der Zeit wahrscheinlich eine von zwei möglichen Gegenreaktionen herausgebildet.

Die einfachste und in unserem Kulturkreis am häufigste vorgelebte und deshalb von den Kindern gefundene Lösung besteht darin, die andere Person, in dem Fall die Eltern, ebenfalls als Objekt zu behandeln. Hier fallen dann so Sätze wie „blöder Papa“ oder „blöde Mama“. Das Entwickeln dieser Strategie ist gar nicht so einfach, da ganz offensichtlich das andere Bedürfnis nach Geborgenheit durch das Kind dabei zurückgestellt wird.

Kommen solche Situationen beim Erwachsen werden des Kindes häufiger vor, dann wird es diese einmal gefundene Lösungsstrategie weiter „verbessern“. Wenn das Kind keinen anderen Menschen kennen lernt, der ihm oder ihr zeigt, dass es auch anders geht, wird das Kind als Erwachsener zunehmend lernen andere Menschen als Objekte für das Erreichen seiner Ziele einzusetzen.

Durch diese Theorie sind beispielsweise auch die Handlungen von Bänkern zu erklären, die für die Ursachen der Finanzkrise im Jahr 2008 verantwortlich sind. Diese Menschen hatten einfach am besten gelernt wie sie andere Menschen ohne Kompromisse zu Objekten machen können.

Es gibt aber noch eine zweite Lösung, die Kinder finden, um ihren Schmerz zu lindern, wenn sie von einer nahe stehenden Person zum Objekt gemacht werden. Sie erklären sich selbst für unfähig, nicht liebenswert oder für dumm, erklären sich also selbst zum Objekt. Ihr Selbstvertrauen bildet sich als Erwachsener entsprechend aus und diese Menschen werden später verstärkt dazu neigen, die Schuld bei sich zu suchen.

Welche Bewältigungsstrategie auch immer gefunden wird, Kinder lernen auf diese Weise das Empfinden ihrer eigenen Subjekthaftigkeit und ihres inneren Selbstverständnisses zu unterdrücken.

Damit erlischt auch das Grundbedürfnis nach Verbundenheit auf der einen Seite und Autonomie auf der anderen. Die einen entwickeln auch als Erwachsene kaum noch eigene Initiative Dinge anzugehen. Die anderen richten ihre Bestrebungen auf das Erlangen von Bedeutsamkeit aus.

Interessanterweise haben wir das alle in der einen oder anderen Form durchgemacht und sind im unterschiedlichen Ausmaß von den Auswirkungen der beiden oben beschriebenen Bewältigungsstrategien betroffen. Wenn du mir nicht glaubst, denke bitte nur daran wie uns als Kind spätestens in der Schule vorgeschrieben wurde wie und was wir zu lernen hatten. Oder denke daran, wie wir als Kind mit den Worten „mach dies nicht“ oder „tue das nicht“ in unserem Entdecken eingeschränkt wurden.

Es geht dabei nicht darum, dass diese Dinge in schlechter Absicht passieren. Es geht einzig und allein darum aufzuzeigen wie früh und wie unbewusst jeder von uns zum Objekt der Erwartungen und Vorschriften anderer Menschen und gesellschaftlicher Sichtweisen gemacht wurde.

Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir auch etwas an den Auswirkungen ändern. Bewusstheit ist der erste Schritt zur Veränderung.

Wie können wir uns unserer Subjekthaftigkeit bewusster werden?

Das Gefühl für unsere eigene Subjekthaftigkeit ist in uns. Es wurde bei der Geburt in jedem von uns verankert. Aufgrund gemachter Erfahrungen wurde dieses subjektive Empfinden gestärkt oder unterdrückt. Aber die grundlegenden Verhaltensmuster sind zeitlebens in uns. Wir müssen gegebenenfalls nur wieder einen Weg finden sie wieder zu erwecken. Leider sind diese Wege nicht immer von uns beabsichtigt und auch nicht bewusst herbeiführbar.

Eine nicht so schöne Variante ist sicherlich der Zusammenbruch eines einmal eingeschlagenen Lebensmodells. Ein Beispiel hierfür ist das, was einzelne Börsenspekulanten in und nach der Finanzkrise durch machten. Sie verloren ihre mächtigen und finanziell sehr erträglichen Positionen. Allerdings entdeckten sie dadurch ihre Subjekthaftigkeit wieder. Sie setzten ihr Geld ein, um Obdachlosen zu helfen, Kindergärten zu gründen oder wurden einfach Lehrer an Schulen. Diese einzelnen Personen hatten verstanden, dass das was sie vorher gemacht hatten, sie und andere in ihrer Subjekthaftigkeit verletzt hatte.

Eine zweite Variante ist der Verlust eines geliebten Menschen, der die eigene Welt zum Einsturz bringt. Hier kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Ich fragte mich beispielsweise, ob ich mehr Zeit mit diesem Menschen hätte verbringen können, wenn ich mein eigenes Leben anders verbracht hätte. Ich fragte mich, ob mein Lebensmodell das richtige ist, wenn solche Ereignisse es so schnell zum Einsturz bringen können. Und ich fragte mich, was ich denn mit meinem Leben anfangen will, da ich nie weiß welche Überraschungen das Leben noch für mich bereithält.

Das interessante an diesen Gedanken war, dass nach der Zeit der Trauer und des Schmerzes der Bezug zu mir selbst wieder stärker wurde. Ich stellte mich und meine Bedürfnisse in den Vordergrund, manchmal auch ein bisschen zu stark. Aber wahrscheinlich gehört das zu dem Prozess dazu.

Jetzt wünsche ich keinem Menschen eine der beiden beschriebenen Erfahrungen, da sie von außen induziert und keine schönen Erfahrungen sind. Aber es muss nicht der Zusammenbruch eines Lebensmodells oder der Verlust eines geliebten Menschen sein, damit wir mehr Bewusstheit für uns selbst entwickeln.

Es kann auch die Begegnung mit einem oder mehreren Menschen sein, die uns die Augen öffnen für Dinge, die wir bis zu diesem Zeitpunkt nie für uns in Erwägung gezogen haben. Ein Beispiel hierfür kann ein inspirierender Lehrer sein, der uns die Schönheit der Literatur näherbringt und uns somit die Augen für eine wundervolle Ausdrucksform für Emotionen öffnet. Man denke hierbei nur an die großartige Darstellung des unvergessenen Robin Williams als Mr. Keating in „Dead Poet Society“.

Und das schöne an diesen Begegnungen, wir können sie im Gegensatz zu den anderen beiden Wegen selbst beeinflussen.

Und zwar, wenn du in deinem Leben bemerkst, dass etwas nicht mehr stimmt, kannst du etwas ändern. Wenn du ein Bild davon hast, wo du hin willst, und dort gerade eben überhaupt nicht bist, dann gibt es eine auf den ersten Blick einfache Lösung:

Finde einen oder mehrere Menschen, die bereits da sind, wo du hin willst und erfahre von ihnen wie sie dahin gekommen sind. Das hört sich natürlich einfacher an als es ist. Aber heutzutage gibt es viele Wege. Besuche Seminare, bilde dich weiter, studiere nochmal, betätige dich ehrenamtlich, starte einen Blog und schreibe über deine Gedanken, lerne ein Instrument und drücke dich in Musik aus, und, und, und.

Die gute Nachricht aus der Neurobiologie dazu: Dein Gehirn ist in jedem Alter in der Lage sich noch einmal komplett zu verändern, du musst es nur wirklich wollen und einfach anfangen.

Die letzte Variante hört sich aus meiner Sicht am einfachsten an, ist allerdings am schwersten umzusetzen. Aber du kannst heute damit starten und brauchst dafür auch nicht zu wissen, wo du einmal hin willst:

Behandle jeden Menschen so, wie du selbst behandelt werden willst. Trete jedem Menschen mit Freundlichkeit, Dankbarkeit und grundlegendem Respekt gegenüber. Vielleicht hört sich das im ersten Moment für dich ja doch nicht so schwierig an. Aber denke an folgendes:

Das beinhaltet auch den ungeliebten Chef, den nervigen Nachbarn, Obdachlose, Leute des öffentlichen Lebens und sogar Menschen die zweifelhaften religiösen und politischen Richtungen angehören. Es schließt unabdingbar alle Menschen mit ein.

Verstehe mich nicht falsch. Dies bedeutet nicht, dass du alles hinnehmen und akzeptieren muss, was alle Menschen sagen oder machen. Aber du lädst jeden Tag jeden Menschen dazu ein sich genauso dir gegenüber zu verhalten wie du es machst. Jeder Mensch bekommt von dir die Möglichkeit, die Veränderung zum Besseren zu machen, die du gerade beschreitest.

Wenn du dir als ein solcher Mensch deiner Subjekthaftigkeit bewusst geworden bist, leidest du nicht an fehlender Bedeutsamkeit. Auch siehst du in dir nicht mehr einen unfähigen Menschen, der ihm vielleicht eingeredet wurde. Du bist dir deiner Bedeutung bewusst. Du hast kein Interesse andere Menschen zum Objekt deiner Erwartungen und Ziele zu machen.

Und wenn du die anderen Menschen dazu einlädst und diese es ebenfalls so machen, also immer mehr Menschen ihre Subjekthaftigkeit wieder entdecken, werden auch immer weniger Menschen andere zu Objekten ihrer Erwartungen machen.

Aus diesem dabei entstehenden Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen entwächst zwangsläufig das Bedürfnis für sich und sein Handeln die Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die sich ihrer Subjekthaftigkeit bewusst geworden sind, können in ihrem  Leben nicht so weiter machen wie bisher. Sie verhalten sich achtsamer, liebevoller, in sich ruhend und strahlen diese Ruhe auch auf andere aus. Sie geben einem das Gefühl, dass sie ihre Subjekthaftigkeit, ihren inneren Kompass gefunden haben.

Ist das nicht ein Zustand, den wir alle innerlich anstreben?

Eurer Tim für Ctrl-Life

Bildquelle:
"junges paar stellt sich die zukunft vor" ©contrastwerkstatt@fotolia.com

Ähnliche Artikel

Menü