Selbstheilung – Zu was unser Gehirn imstande ist, wenn wir es lassen

Selbstheilung – Zu was unser Gehirn imstande ist, wenn wir es lassen

Das Gehirn ist unsere Steuerungszentrale und fasziniert den Menschen bereits seit Jahrhunderten. Es ist eine komplexe Verschaltung auf kleinem Raum, die zu unglaublichen Leistungen in der Lage ist.

Allerdings ist Manches von dem, was wir bisher gedacht haben, nach den neuesten Erkenntnissen der neurobiologischen Forschung nicht mehr zutreffend.

Noch vor zwanzig Jahren, waren wir der Überzeugung, das Gehirn wird aufgebaut, dann nutzt man es, dann wird man älter und das Gehirn degeneriert. Hinzukommt, dass die Menschen immer älter werden und somit die Wahrscheinlichkeit für Demenz sich erhöht.

Neuroplastische Nonnen

Seit dieser Zeit hat sich unser Wissen diesbezüglich jedoch immens weiterentwickelt.In der sogenannten Nonnenstudie wurde von dem Epidemiologen David A. Snowdon und seinem Forschungsteam 678 Nonnen zwischen 75 und 106 Jahren über Jahre beobachtet, um Daten zu sammeln. Ziel der Studie war es, Faktoren zu ermitteln, die das Demenz und Alzheimer Risiko erhöhen. Die Datensammlung beinhaltete auch die Untersuchung des Gehirns nach dem Tode der Probandinnen.

Das revolutionäre an dem Ergebnis der Studie war, dass kein Zusammenhang zwischen dem pathologischen Gehirnbefund (multiple Alzheimer-Plaques) und der intellektuellen Leistungsfähigkeit der jeweiligen Personen zu Lebzeiten aufgezeigt werden konnte. Auch Nonnen, bei denen der Zustand des Gehirns dem eines Alzheimer Patienten entsprach, konnten bis zu ihrem Tod geistig anspruchsvolle Aufgaben ausführen.

Trotz der Tatsache, dass das Gehirn sich an manchen Stellen zurückgebildet hatte, blieb die Leistungsfähigkeit des Gehirns erhalten, da Funktionsbereiche, die abgebaut wurden, an anderer Stelle ersetzt wurden.

Das Gehirn ist also bis ins hohe Alter lern- und aufbaufähig. Dies nennen die Forscher Neuroplastizität. Die Zurückbildung des Gehirns ist ein natürlicher Prozess. Die Gefäßversorgung bildet sich zurück und die Durchblutung wird schlechter. Allerdings können bis ins hohe Alter neue Bahnen, d.h. neue Verbindungen zwischen den einzelnen Nervenzellen, gebildet werden. Durch diese Neuroplastizität haben wir eine unglaubliche Fähigkeit zur neurologischen Anpassung und damit auch zur Selbstheilung.

Wovon hängt unser neuroplastisches Potential ab?

Neuroplastische Umbauprozesse finden unter bestimmten Bedingungen statt. Das Hirn ist kein Muskel. Es kann demnach nicht trainiert werden wie ein Muskel. Das Gehirn wird nur aktiv, wenn etwas für uns von Bedeutung ist, d.h. wenn es uns Spaß macht und interessiert.

Wenn wir beispielsweise ein Problem haben, das wir lösen wollen, dann ist unser Gehirn sehr aktiv. Solange dieses Problem besteht, befindet sich das Gehirn in einem sogenannten inkohärenten Zustand. Das Gehirn „bemerkt“, dass etwas nicht im Gleichgewicht ist.  Die emotionalen Zentren werden angesprochen, es geht uns „unter die Haut“. Das Gehirn wird daraufhin aktiv, den inkohärenten Zustand in einen kohärenteren Zustand zu bringen, in dem gehirntechnisch gesehen für uns alles passt.

Dazu springen im Mittelhirn Zellgruppen an und werden aktiviert. An den Enden der dort befindlichen Fortsätze werden neuroplastische Botenstoffe ausgesendet, die andere Nervenzellen dazu bringen, dass neue Eiweiße hergestellt werden, um neue Fortsätze zu bilden, bestehende Verbindungen zu stärken, neue Kontakte zu knüpfen, etc. Die dabei vernetzten Verschaltungen werden immer besser ausgebaut.

Das ist der Grund, warum alles, was uns Spaß macht und uns interessiert, einfacher gelernt wird. Hirnforscher sprechen davon, dass ein Thema emotional aufgeladen sein muss, damit dieser Prozess in Gang kommt. Wenn uns etwas nicht emotional berührt, dann springt dieser gesamte Prozess nicht an und dementsprechend bilden sich keine neuen Verschaltungen im Gehirn.

Wenn diese Emotionalität nicht besteht, kommt also unser neuroplastischer Aufbau- und Selbstheilungsprozess nicht in Gang.

Unsere Emotionalität bleibt immer öfter auf der Strecke

Leider beobachte ich heutzutage zunehmend, dass Menschen in meiner Umgebung – und da schließe ich mich selbst nicht aus – diese Emotionalität im Alltag nicht mehr häufig erfahren. Ich glaube, es kann daran liegen, dass wir uns in einer sich schnell verändernden und stressigen Zeit nicht mehr ausreichend Momente für unsere Herzensangelegenheiten nehmen. Der Einfluss durch die Medien und die ständige Verfügbarkeit von neuen Dingen lenkt uns zu sehr von dem eigentlich Wichtigen in unserem Leben ab.

Hierdurch und durch die ständigen schlechten Nachrichten in der Welt befinden wir uns in einem ständigen Stress- und Sorgenzustand. Diese Stressreaktionen werden durch das Stresshormon Kortisol hervorgerufen, dass in der Nebenniere ausgeschüttet wird. Hierbei wird das Blut in Muskeln, Herz, Lunge und andere Organe für die körperliche Stressbewältigung gepumpt. Kognitive Vorgänge werden hierbei vernachlässigt.

Das bedeutet, das unser Gehirn weniger mit Energie versorgt wird. Dies wird bezüglich der oben beschriebenen Anpassungs- und Selbstheilungskräfte allerdings für uns zum Problem.

Bereits im Ruhezustand, wenn wir gar nichts tun, verbraucht unser Gehirn bereits 20% der im Körper zur Verfügung stehenden Energie. Für die neuroplastischen Vorgänge benötigt das Gehirn eine Unmenge mehr. Wenn wir uns allerdings ständig in einem Stresszustand befinden, wird unserem Gehirn quasi die benötigte Energie entzogen. Ich stelle mir es immer persönlich vor wie ein Feld mit Blumen und Wiesen, das mit der Zeit ganz langsam nicht genug Wasser bekommt. Mit der Zeit wächst nichts mehr und zum Ende verwelkt alles.

Wir können die Selbstheilung positiv beeinflussen

Aus meiner Sicht ergibt sich aus den neuen Erkenntnissen allerdings eine durchaus positive Nachricht für uns. Wenn wir aufgrund unserer Lebensweise die Selbstheilungskräfte unseres Gehirns unterdrücken, dann haben wir es auch in der Hand durch Veränderung unserer Lebensweise diesen Selbstheilungsprozess wieder besser in Gang zu bringen.

An dieser Stelle ist es interessant, sich nochmal die Nonnen aus der Studie genauer anzuschauen. 80% der Nonnen waren selbst noch im hohen Alter als Lehrer am College tätig und waren damit kognitiv sehr aktiv. Zudem lebten die Nonnen enthaltsam. Somit ruinierten sie ihre Körper beispielswiese nicht mit Alkohol oder Nikotin und ernährten sich zudem ausgewogen sowie gut dosiert.

Weiterhin lebten die Nonnen in einer aktiven Gemeinschaft und einem stabilen sozialen Umfeld, dass jederzeit von gegenseitiger Hilfe geprägt war. Hinzukam, dass Nonnen durch das tägliche Gebet Zeit nur für sich und ihren Glauben hatten. Aber die vielleicht wichtigste Komponente, die Nonnen hatten ihren Glauben und dadurch ein Urvertrauen, dass Gott ihnen den Weg weist. Fast nichts konnte sie erschüttern, da die Wege des Herrn nun manchmal unergründlich sind.

Ein Leben in Arbeit, Gebet und Enthaltsamkeit kann also unsere geistige Stärke erhalten. Allerdings können Nonnen nur bedingt ein Vorbild für den Lebensstil sein, der beispielsweise bei vielen gestressten Großstädtern in den Metropolen Deutschlands und Europas zu beobachten ist.

Auf der anderen Seite denke ich, dass wir zumindest in Teilbereichen des Alltags etwas von den Nonnen lernen können. Wer beispielsweise häufig in seinem Arbeitsalltag Stress erlebt, sollte ebenso genug Zeit zur Selbstbesinnung und Reflexion finden. Weiterhin zeigt uns das Beispiel der Nonnen, wie sich ein geistig und körperlich aktives Leben positiv auf die grauen Zellen auswirken kann.

5 Grundsätze für eine gesunde Lebensweise

Ich möchte an dieser Stelle sogar den Versuch unternehmen und daraus fünf Kriterien ableiten, die uns helfen können eine gesunde Lebensweise zu erreichen:

Gemeinschaft und ein stabiles soziales Umfeld

Wir benötigen ein stabiles Umfeld und die Interaktion mit anderen Menschen. Eine starke Gemeinschaft (Freunde, Familie, Nachbarn, etc.) unterstützt sich gegenseitig und steht in guten wie schlechten Zeiten zu einem. Wir fühlen Rückhalt und Geborgenheit.

Lebenslange Aktivität und Neugierde

Die Lust neue Dinge zu entdecken und zu lernen ist im hohen Alter genauso wichtig wie im Kindesalter. Lernen sorgt dafür, dass sich neue Fortsätze im Gehirn bilden und hält die Nervenbahnen aktiv. Lernen hält also durchaus jung, jedenfalls geistig.

Glaube und Urvertrauen

Hierbei geht es nicht um einen religiösen Glauben, sondern um etwas, dass dir innerlich halt gibt in schwierigen Zeiten. Das dir das Gefühl gibt, dass auch schwierige Situationen vorüber gehen. Das kann der religiöse Glaube sein, ein gutes Elternhaus, das einem Halt gibt oder ein innerer Glaube an dich selbst.

Achtsamkeit mit sich selbst

Zeit für sich selber ist wichtig im Leben, sei es durch Gebete, Mediation, Sport oder was immer dich innerlich zur Ruhe kommen lässt. Finde etwas, in dem du aufgehst, bei dem du die Zeit aus den Augen verlierst und tue dies regelmäßig.

Gute Ernährung und wenig Alkohol

Ich glaube heutzutage muss man keinem mehr erzählen, dass eine gute und ausgewogene Ernährung uns guttut, dass wir Alkohol und andere Drogen wie Nikotin, wenn überhaupt nur, in sehr kleinen Mengen und nicht regelmäßig zu uns nehmen.

Mein Fazit

Diese fünf Kriterien haben natürlich kein Recht auf Vollständigkeit und spiegeln meine Interpretation wieder. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung für mich bestätigen, dass alle diese Kriterien eine positive Auswirkung zumindest auf mein Leben haben.

Früher habe ich beispielsweise den Punkt soziales Umfeld zugegebener Weise als nicht so wichtig erachtet. Für mich war immer klar, Freunde kommen und gehen im Leben. Aber wer einmal schwierige Zeiten durchgemacht hat und dabei wahre Freunde – die einen sehr gut und lange kennen – zur Seite hatte, der weiß wie wertvoll das sein kann.

Seit ich achtsamer mit mir umgehe, mir Zeit für mich nehme, sei es in Meditationen, Yoga oder anderem Sport, stelle ich bei mir eine zunehmende Gelassenheit fest. Hierdurch hat sich auch mein Glaube an mich selbst verstärkt und ich stelle auch in schwierigen Zeiten eine zunehmende Resilienz fest.

Deshalb kann ich jeden nur ermutigen, sich selbst bezüglich der genannten Kriterien zu reflektieren. Was immer dabei rauskommt, glaube ich, wird dich weiterbringen.

Danke dir fürs Lesen und viel Spaß beim Ausprobieren.

Euer Tim

Quellen:
1. Hüther, Gerald: Vortrag "Freude am Lernen - Freude am Leben", 11.04.2017 in Feldbach, Österreich. http://vulkantv.at/video/prof-dr-gerald-huether-freude-am-leben-in-feldbach/
2. Hüther, Gerald. Raus aus der Demenz-Falle!: Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren. Arkana. Kindle-Version.
3. Hüther, Gerald. Biologie der Angst: Wie aus Streß Gefühle werden. Vandenhoeck & Ruprecht. Kindle-Version.
4. Hüther, Gerald. Würde: Was uns stark macht - als Einzelne und als Gesellschaft (German Edition). Albrecht Knaus Verlag. Kindle-Version.

Bildquelle:
"Puzzle head solution concept. Mental health symbol" © pathdoc@fotolia.com

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