Tough Mudder – Ein Erfahrungsbericht

Tough Mudder Erfahrungsbericht

Ein Gastartikel von David.

Täglich zehn oder elf Stunden Büro, ständig unter Stress, der auch wieder abgebaut werden muss. Doch der Alltag lässt uns kaum ein Fenster, denn privat ist auch noch einiges zu regeln. Mal kurz den Sandsack verhauen, oder eine große Runde durch den Wald, bringen zwar im Kessel den Druck runter, jedoch schlägt das Ventil kurz danach wieder aus. Mein Nachbar Jan hat mich mal auf etwas Anderes gebracht: Ein Ziel – etwas, was die letzten Läufe im Wald nicht isoliert betrachtet, weil man sie einfach im Gedächtnis addiert, die Workouts nicht nur kurzer Stressabbau sind, sondern ein wichtiger Teil eines Ganzen- ein Teilprojekt. Monatelang hatte ich mein Ziel fokussiert, darauf hintrainiert bis er endlich kam. Mein Meilenstein – der Tough Mudder!

Die Armee steht bereit

Mit ca.200 anderen Leidensgenossen, eingepfercht im Startbereich, bilden mein Team und ich eine Startwelle. Eminems Worte „Success is my only motherfucking option, failure’s not “ dröhnen aus den riesigen Lautsprechern. Der nette „Motivator“ fordert uns brüllend auf, dass wir uns endlich auf den Boden legen sollen, da wo der Matsch am schönsten ist….. Das wollt ihr doch? Das mögt ihr doch? Oder? „Jaaaaaa“ brüllt die ganze Meute…. Nachdem wir im Kollektiv auf die Tough Mudder Gebote schwören, bereitet er uns mit dem Sound von Rocky auf die letzten Sekunden vor…. Die vorderen Läufer bekommen orangene Rauchfackeln in die Hand. Nun war das Bild einer ganz großen Schlacht vollkommen…Endlich geht es los…. Wir dürfen rennen…. Und die meisten wussten nicht, was auf sie zukommt.

Nach gefühlten 20 Minuten langsamen Trabens, bildet sich schon ein kleiner Rückstau. Das erste Hindernis. Ab auf den Boden, durch den Matsch robben, aber Vorsicht. Den Hintern unten halten und den Matsch küssen. Ich weiß schon, warum ich damals den Kriegsdienst verweigert habe, und lieber im Zivildienst im trockenen Juridicum tätig war. Ein Blick nach oben verrät dir, dass dein Raum zum Krabbeln begrenzt ist. Begrenzt durch quer gespannten Stacheldraht. Aber als ob dies nicht genug wäre, quer gebaggerte kleine Kanäle, mit Wasser gefüllt, erschweren dir den Weg raus aus dem Dreck. Und immer schön lächeln. Die fiesen Fotografen lauern überall um ein Bild deines vor Anstrengung verzerrten Gesichts zu erhaschen.

Tough Mutter CTRL-Life

(Quelle: Tough Mudder 2016)

Heidis Weg

Jetzt ist alles egal. Das Eis ist gebrochen. Früher hätten wir von unseren Eltern wohl Schimpfe bekommen, aber jetzt macht es einfach nur Spaß sich im Dreck zu sudeln. Jetzt will man nur noch durch. Aber auf dem Weg zum Ziel warten jede Menge Hindernisse, 18 Kilometer Laufstrecke und ca. 2.000 Höhenmeter. Während ich einen sehr steilen Weg, Heidis-Weg, auf allen Vieren hoch kracksele, frage ich mich, ob es wirklich mal eine Heidi gab, die hier mit Milchkannen hochgelaufen ist. Die ersten Wahnvorstellungen erreichen mein mit Adrenalin vollgetanktes Gehirn.

Teamwork

Die Muskulatur der Beine freut sich auf eine Pause während man auf Heidis Weg wieder auf dem Allerwertesten hinunterrutscht – bevor man erneut diesen Hang rauf laufen soll. Viele kleine, aber auch sehr fiese Hindernisse erschweren den Weg und kosten mich unheimlich Kraft. Und Kraft sollte man sich bei diesem Event wirklich einteilen! Hindernisse wie „Mudder Mile 2.0“ lassen dich knietief im Matsch versinken. Hier hat uns die Erfahrung vom letztem Jahr gelehrt: die Schnürsenkel ganz, ganz festbinden.

Während man versucht mit eigener Kraft durch dieses sumpfartige Gebiet zu gelangen, merkt man sehr schnell, dass man ohne die Hilfe der anderen Mudder aufgeschmissen ist. Man greift einfach nach jeder Hand, die einem gereicht wird. Und das ist natürlich nicht einfach, wenn der andere quasi vom Schlamm angesaugt wird, und knietief im Matsch steckt.

Friedhof der Turnschuhe

Mit etwas Glück hat man nach ca. 15 Minuten endlich wieder festen Boden unter den Füßen und wie jedes Jahr finde ich einen großen Haufen mit Schuhen. Schuhe, die von tapferen Kriegern in den etlichen Tonnen Matsch verloren gingen, und von anderen Kriegern gefunden, und ans Festland geworfen wurden, aber die wohl niemals wieder den Fuß ihres Besitzers wiedersehen werden. So etwas kann man einfach nicht vorher trainieren. Hier gilt dein Instinkt zum Überleben. Während du dich da durchkämpfst, schaust du teilweise in Augen, die schon längst aufgegeben haben- aber deine Pflicht ist es, diesen tapferen Kämpfern deine Hand zu reichen – falls du dazu in der Lage bist.

Funky Monkey

Nach einigen hundert Metern rutschiger Wege höre ich wie mein Team -Kamerad Carsten aus dem letzten Loch pfeift:  „Hey Dave, da kommt unser Hindernis“. Ein Blick auf das Schild bringt mich zum Grinsen. „Funky Monkey“. Auf dieses Hindernis hatten wir uns richtig gut vorbereitet.

Ohne Sichtkontakt hört man bereits, wie einige beim Hangeln abschmieren und in die braune, eiskalte Brühe stürzen um ans andere Ende des extra gebaggerten Lochs zu schwimmen. Platsch, schallt es schon wieder…. Und noch einmal… ich wundere mich über so viel Geplätscher.

Im letzten Jahr schafften dieses Hindernis doch noch so viele. Platsch macht es immer wieder. Wir kommen endlich an das Hindernis, versuchen mit unseren vermatschten Schuhen die rutschigen Eisenstangen hinaufzuklettern. Fluchende Teilnehmer dominieren die Akustik an diesem Konstrukt. Nun kann auch ich sehen, was hier los ist. Schon beim Sprung an die erste Quersprosse rutschen die meisten ab. Sie ist einfach nur nass, matschig und eiskalt.

Als die fünf Männer und Frauen vor mir direkt abschmieren, schaue ich Carsten an. „Carsten, was ist hier los? Das kann doch nicht sein“. Wir versuchen einfach nur ruhig zu sein und zu analysieren.

„Das ist was Tough Mudder ausmacht – Tough Mudder fragt nicht, wie viel Kilogramm du beim Bankdrücken stemmst, sondern wie du mit Stresssituationen umgehen und Ruhe bewahren kannst. „

Schnell sehen wir, dass die ersten drei Querstangen zum Anspringen nicht zu gebrauchen sind. Sie sind einfach zu nass und zu rutschig. Mit etwas Anlauf springen wir direkt an die vierte Stange und sind save. Nachdem wir ca. 20 Stangen gehangelt sind, ist der nächste Übergang ein horizontal gelagertes großes Rad. Natürlich mit etwas Schräglage, damit man nach dem Packen mit der einen Hand direkt in Drehbewegung kam. Nur ein schnelles und konzentriertes Nachfassen mit der anderen Hand verhindert ein Abschmieren. Mit viel Ruhe und Geduld kommen zehn von zwölf Mann aus unserem Team trocken auf der anderen Seite an.

Hochkonzentriert geht es weiter. Plötzlich laufen an mir fünf junge Männer in Hemd und Krawatte vorbei. Ein breites Grinsen schnellt über mein Gesicht. Genau, Spaß wollen wir haben, denke ich, und komme mit den Jungs ins Gespräch. Nette Kerle muss ich im Nachhinein sagen, so wie alle, die man auf der Strecke kennen- und schätzen lernt. Selbst Marvin, den ich letztes Jahr in der Karibik bei einem Bierchen zu diesem Lauf überredet hatte, war total begeistert und hatte enormen Spaß an der Sache.

Tough Mudder-Eines der härtesten Rennen

(Quelle: Stephan Latragna 2017)

Endgegner

Schon Wochen vor dem Lauf fragt man sich selber, welches Hindernis wohl seinen persönlichen Endgegner darstellt. Für mich, als absolute Frostbeule, rutschte die Elektroshocktherapie schnell auf Platz zwei. Was sind schon 10.000 Volt gegen 3,7 C° kaltes Wasser? Da stehe ich vor diesem komischen Hindernis. Ein Gerüst, ca. vier mal acht Meter und etwa drei Meter hoch. Von oben hängen im Abstand von fünfzehn Zentimetern dünne bunte Kabel runter. Wohl mit Sicht auf die Stromkosten wird dieser zwischendurch abgeschaltet. Denn als mich ein Mitarbeiter vor dem Vorhang stehen sieht, betätigte er mit einer langen Stange oben am Dach einen Schalter – der Strom fließt nun, sagt er und grinst mich an.

Hunderte von Kabeln fangen plötzlich an zu tanzen. Da ich keinen direkten Weg erkennen kann, laufe ich langsam durch und versuche mich wie eine Gazelle durch das Meer von Stromkabeln zu schleichen. Als mich die ersten Drähte berühren und ich keinen Schlag abbekomme, denke ich, Ok, da ist nicht auf jedem Kabel Strom drauf. Kaum gedacht, bekomme ich einen kurzen aber harten Stromschlag an meinem linken Bein. Aua, stöhne ich leise bevor mich ein zweiter und ein dritter direkt am Arm und Ohr treffen. Zwei weitere Elektroschocks folgen noch bis ich endlich durch diesen Wahnsinn durch bin.

Als ich mich umdrehe um nach meinen Kameraden zu gucken, standen diese noch vor dem Hindernis um sich zu beratschlagen. Eine ganz mutige junge Dame nahm Anlauf und wollte mit aller Gewalt dieses Hindernis schaffen.

Nach wenigen Metern fiel sie erschöpft von den Stromschlägen zu Boden, das Gerät wurde kurzzeitig stillgelegt und die Frau wurde von den netten Herren aus der Gefahrenzone transportiert. Sie hat wohl einige Stromschläge mehr als andere abbekommen.

Als ich vom Weiten zwei Trucks mit Eiswürfelaufdruck gesehen habe, habe ich überhaupt nicht an dieses Hindernis gedacht. Erst als ich nachfrage, lachen meine Kollegen und sagen mit einem Seitenhieb, das ist nichts für Frostbeulen. Mir wird so langsam klar, dass dies der Gegner ist, den ich gerne abwählen würde.

Meine Blicke wandern von rechts nach links. Oh Gott, ich komme aus dieser Schlange nicht mehr raus, denke ich und werde von der Masse einfach mit zum Aufstieg des Grauens gezogen. Oben auf dem Gerüst schaue ich in eine lange breite Rutsche. Drumherum sehe ich nur Wasser und Eiswürfel. Muss das jetzt sein? „failure’s not“ kommt mir wieder in den Sinn. Also halte ich mich an der Stange fest, meine Beine taumeln in der Luft. Unter mir das eiskalte Wasser.

Wie mir Carsten später berichtete, muss ich wohl ziemlich lange an dieser Stange gehangen haben bevor ich mich endlich in den Tod stürzte. Ein freier fall von ca. 3 Metern gab mir genügend Schwung, meinen Körper komplett in das Eiswasser eintauchen zu lassen. Soll ich ehrlich sein? Man hat nur noch einen einzigen Gedanken wenn man in solch einem temperierten Becken taucht: Raus hier, aber sofort !. Es ist nicht nur das komische Gefühl wenn der Kopf schrumpft, nein, auch die Gedanken werden ganz langsam und träge. Ein Dasein von Schwerelosigkeit. Denken ist kaum möglich, nur der Wille aus diesem Becken zu steigen zählt.

Mein Team-Kamerad, der gleichzeitig aufgetaucht ist, brasselte etwas von: “Oh Gott, meine Hoden“. Sorry, aber so nett hätte ich es nicht ausgedrückt.

Ziel erreicht

Es waren noch einige Hindernisse mehr, die wir bewältigen mussten. Vielleicht erzähle ich ein andermal davon.

Ich kann nur sagen, es ist wirklich eine ganz große Gaudi diesen Lauf mitzumachen. Solltet ihr mal versuchen.

Und ich konnte völlig Abschalten und alles hinter mir lassen!

David vom Team Loor

Interview mit David

Wir von Ctrl-Life wollten von David wissen, wie man sich auf ein solches Spektakel vorbereitet. Deshalb haben wir Ihn kurzer Hand  in seiner Wahlheimat Troisdorf Sieglar besucht und Ihm einigen Antworten entlockt.

Ctrl-Life: Wie bereitet man sich auf solch ein gigantisches und furchteinflößendes Event vor?

David: Es war nicht mein erster Touch Mudder, daher habe ich bereit einige Erfahrung, was die Vorbereitung angeht. Meine Vorbereitung beginnt in der Regel immer so um die Weihnachtszeit, sobald ich mich angemeldet habe. Anschließend gibt es für mich nur das eine Ziel. Dann ist fünf bis sechs Monate täglich Sport angesagt

Ctrl-Life: Gibt es außer dem Eiswasser und den Stromschlägen ein weiteres Hindernis, auf welches Du verzichten könntest?

David: Ja, definitiv. Den „Geburtskanal“ brauche ich wirklich nicht. Diese Enge ist ja nicht zu ertragen

 

Ctrl-Life: Ist dieses Event noch zu toppen? Hast du noch weitere Projekte und Ziele?

David: Nächstes Jahr ist der Spartan Trifecta lauf geplant. Zwei Läufe hier in der Umgebung, ein Run mit 5 Km und einer mit 12 Km, der dritte findet in den Alpen statt mit jeder Menge Höhenmetern. Alles mit brutalen Hindernissen.

 

Ctrl-Life: Aber dann gehst du in deine sportliche Rente?

David: nein, nein…. Danach würde ich mir noch gerne den heiligen Gral von Tough Mudder holen. Das ist einmal ein Zeitlauf von einem normalen Tough Mudder hier in Deutschland, danach ein acht Stunden Lauf in England bei Nacht und der dritte, ein wahnsinniger 24 Stunden Lauf in der Wüste von Las Vegas.

Danach kann man sich über die sportliche Rente Gedanken machen…

Das war meine Touch Mudder Erfahrung!

David

Tough Mudder Erfahrung

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