Raus aus dem Elfenbeinturm – Karrierewechsel von der Uni in die Industrie

Raus aus dem Elfenbeinturm – Karrierewechsel von der Uni in die Industrie

Ich habe gefühlt das ganze Leben in der Uni verbracht und schon vor vielen Jahren festgestellt, dass die Naturwissenschaften das sind was ich mag, dass was ich gerne mache, dass was mir leichtfällt. Nach dem Studium dann folgte die Promotion, das war die natürliche Konsequenz, was sonst?

Im Labor zu arbeiten und zu forschen fühlte sich gut an, angetrieben durch Neugier und die Leidenschaft für den wissenschaftlichen Fortschritt.

Und dann?

Natürlich wollte ich weiter als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeiten, wenn auch anderes Institut, andere Stadt, aber weiterhin mit derselben Begeisterung. Was anderes kannte ich nicht, deswegen konnte ich mir auch nicht vorstellen etwas anderes zu machen. Warum auch, eine Karriere in der Akademie war etwas Erstrebenswertes.

Mir war klar, dass es riesige Hürden geben würde. Nicht nur die befristeten Verträge und die Ungewissheit über jede Anschlussfinanzierung. Die Zahlen sprachen auch für einen sehr harten Kampf, es geht um alles oder nichts, entweder kommt man ganz nach oben oder man muss die Forschung verlassen.

Eine Studie aus 2010 besagt, dass zumindest in Großbritannien nur 3,5% der promovierten Wissenschaftler eine Chance auf eine permanente Anstellung in der Akademie haben.

In Deutschland dürfte es nicht viel besser sein. Wenn man bedenkt, dass hier zulande zwei drittel des wissenschaftlichen Personals einen befristeten Vertrag besitzen und wir auch noch die geringste Quote an Professoren haben im Vergleich zu Frankreich, Großbritannien und die USA.

Hinzu kommt noch, dass in Deutschland, laut dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz, nach 12 Jahren Arbeit an der Uni, keine befristeten Arbeitsverträge mehr vergeben werden dürfen. Die Idee dahinter ist die „Kettenbefristungen“ zu vermeiden. Nach den 12 Jahren sollen wissenschaftliche Mitarbeiter ausreichend qualifiziert sein und nur noch unbefristet angestellt sein oder zwischenzeitlich eine Professur erhalten haben.

Die Zwölfjahresregel trifft allerdings nicht zu, wenn man eine Drittmittelstelle besitzt. Obwohl diese Regel die Mitarbeiter unter Zeitdruck setzt, hatte ich mich damit abgefunden. Es war mir klar, dass eine Karriere an der Hochschule mit einem ziemlich großen Risiko verbunden war.

Seit 2016 hat sich allerdings etwas geändert. Auf Basis neuer Rechtsprechung zur Wirksamkeit der wiederholten Befristung von Arbeitsverträgen, auch im Falle von Drittmittelanträgen, befürchteten die Unis bundesweit, praktisch flächendeckend, eine Klagewelle. Daraus folgte, dass nach 12 Jahren pauschal keine Verträge mehr verlängert wurden. Dies gleicht einem Berufsverbot für einen Großteil des wissenschaftlichen Personals.

Diese Unsicherheit, zusammen mit der Tatsache, dass keine andere Finanzierung gefunden werden konnte und dass mein letzter Vertrag ausgelaufen war, haben mich ermutigt, nicht mehr eine Anstellung an einer Universität zu ersuchen, sondern den Wechsel in die Industrie zu wagen.

Das wäre für mich eine große Veränderung gewesen, ja ein Neuanfang. Mir war klar, dass ich vor einer ziemlich großen Herausforderung stand. Ich sah die Fragen schon kommen: „wieso möchten Sie von der Uni weg?“, „wieso jetzt?“.

Obwohl die Angst vor dem Ungewissen groß war, wusste ich, dass die Suche nach dem nächsten Job mein neuer Job geworden war. Wie hier schon mal geschrieben wurde, Angst ist immer ein Gefühl, dass in die Zukunft gerichtet ist. Wir können nur vor etwas Angst haben, nicht hinterher.

4000 Meter rauf, 4000 Meter runter

Das erste was ich gemacht habe nachdem ich die ersten Bewerbungsunterlagen für offene Stellen abgeschickt habe und auch die ersten Absagen bekommen habe, war Zeit für mich zu nehmen.

Um klar zu denken, mich von allen Gedanken zu befreien, und innerliche Ruhe zu finden, habe ich mich entschieden durch die Dolomiten zu wandern, 5 Tage lang, von Hütte zu Hütte, alleine mit meinen Gedanken und leichtem Gepäck.

8.355 Meter Höhenunterschied, hoch und runter jeden Tag, begleitet von der Stille und der wunderschönen Landschaft. Das war exemplarisch für meine Situation, ständig musste ich mich fragen

wo befinde ich mich?“,

wo will ich hin?“,

ist jemanden mit mir auf diesem Weg oder bin ich alleine?“.

Die Achterbahn der Gefühle, die ich durchmachte, kann man mit dem Auf- und Absteigen der Bergen vergleichen.

die Vorahnung und der Schock– Ich wusste, dass sich etwas ändern muss und ändern wird. Und dann ist der Tag gekommen, ich habe mich mit den Kollegen verabschiedet, ein Zyklus meines Lebens hat sich geschlossen.

die Trauer und die Anstrengung– Eine neue Phase fängt an, kurz nachdenken, „wo geht es hin?“ Stellenanzeigen durchforsten, Bewerbungsunterlagen auf den neuesten Stand bringen und sich bewerben. Schon davor hatte ich angefangen, mich zu bewerben, aber nur nebenbei und nicht im großen Stil. Noch bin ich zuversichtlich, es kann nicht lange dauern, bis man eine Chance bekommt.

Die Sorge, die Leugnung, die Wut– Trotz Bewerbungen und den ersten paar Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, es ist kein Job in Aussicht. Ich bin arbeitssuchend, die Zeit tickt, und die meisten Antworten auf meine Bewerbungen sind Absagen. Liegt es an mir? Ist meine Strategie falsch? Ich versuche meine Unterlagen so gut wie möglich zu optimieren, sie müssen perfekt sein, ich informiere mich im Netz, bespreche es mit meinem Umfeld, hole mir Rat, tausche mich aus.

Die Aufgabe, die Depression– Obwohl ich nicht depremiert war und meine Arbeitslosigkeit als unvermeidbares Übel sah (kein Einzelfall bei Akademikern, die nach dem Umstieg suchen), war es nicht gerade aufbauend zu sehen, dass fast alle meine Bewerbungen eine Ablehnung als Antwort bekamen, und für die Stellen, wo ich für ein Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, ich im Bewerbungsprozess nicht weiterkam. Es ist auch nicht gerade einfach den Grund für eine Absage zu erfahren. Das lässt einen noch mehr im Ungewissen, schließlich möchte man wissen, was man hätte besser machen können.

Die Hoffnung, der Enthusiasmus– Etwas änderte sich als ich einige Monate später die Möglichkeit bekam einen Fortbildungskurs zu machen, unterstützt von der Bundesagentur für Arbeit. Der Kurs ging über fünf Monate und ich war in einer Gruppe mit anderen Leuten, die sich in einer ähnlichen Situation befanden, auch Akademiker auf der Jobsuche und am verzweifeln.

Der Kurs war in verschiedene Einheiten unterteilt, geführt von verschiedenen Trainern mit einem breiten Kompetenzspektrum. Da konnte ich wirtschaftliches Basiswissen sowie branchenspezifisches Know-How erwerben. Es wurden fachliche Kenntnisse vermittelt, vor allem was man in der Uni nicht beigebracht bekommt, um einen für eine Karriere in der Life Science Industrie fit zu machen. Aber auch persönliche Kompetenzen wurden gestärkt, durch Persönlichkeitstraining und Optimierung der Bewerbungsstrategie.

Da habe ich vor allem festgestellt, was für verschiedene Möglichkeiten es gibt, was für unterschiedliche Karrierewege und Berufsbilder es gibt, was mir vorher nicht ganz bewusst war. Es war definitiv nicht verkehrt eine Weiterbildung zu machen. Ich bin überzeugt, dass dies schließlich auch eine Verbesserung meiner Chancen auf dem Arbeitsmarkt bedeutet.

Fazit

  • 87 Bewerbungen
  • 14 Einladungen zum Bewerbungsgespräch (Quote: 16%; Bei 100 Bewerbungen liegt die statistische Wahrscheinlichkeit eingeladen zu werden bei 10%. Die Wahrscheinlichkeit eingestellt zu werden liegt bei 1%.)
  • 2 Jobangebote

Was ich empfehlen kann:

  • Die Bewerbungsunterlagen professionell zu gestalten. Auf alle Ratschläge von Personalern, Karriereblogs und Experten einzugehen und das Beste für sich zusammenzustellen. Ich benutze zum Beispiel Latex, dafür gibt es tolle Vorlagen, die man beliebig personalisieren kann (https://github.com/xdanaux/moderncv).
  • Reden Sie mit Leuten, kontaktieren Sie Personen auf sozialen Netzwerken (LinkedIn, Xing, …) und fragen Sie wie sie den Einstieg geschafft haben, und welche Möglichkeiten es gibt. Schließlich sind ¾ der Stellen, die vergeben werden, nicht ausgeschrieben.
  • Gehen Sie zu Karrieremessen und Absolventenkongresse, suchen Sie den persönlichen Kontakt zu der Firma. Eine Person kann besser im Kopf bleiben, wenn man das Gesicht zu dem Namen kennt.
  • Regelmäßig die üblichen Job-Portale durchforsten. Am besten ist es sich ein Profil anzulegen, so dass man täglich die passenden Empfehlungen als Newsletter empfängt.
  • Und natürlich, immer dranbleiben und nicht aufgeben!

Fakten zur inneren Kündigung

  • Die innere Kündigung kostet Unternehmen in Deutschland jährlich 120 Mrd. €. Grund ist häufig unzureichende Führung.
  • 84% der Mitarbeiter haben eine geringe oder keine Bindung zum Arbeitsplatz.
  • 35% der Mitarbeiter können sich noch in diesem Jahr vorstellen, eine andere Stelle anzutreten.
  • 6% haben einen Jobwechsel konkret geplant.
  • Was motiviert den Arbeitnehmer nach einer neuen Stelle zu suchen? 96% antworten „die Führungskraft“.
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