Wer bin ich? – Introvertierte Menschen in einer extravertierten Welt

Wer bin ich? – Introvertierte Menschen in einer extravertierten Welt

Was introvertierte Menschen zu leisten imstande sind

Wir alle kennen die Geschichte der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den 50er und 60er Jahren. Die meisten verbinden damit wahrscheinlich direkt den Namen Martin Luther King, der mit seinen mitreißenden Reden Massen begeistert hat. Er war ein charismatischer Mensch, ohne den diese Bewegung nie die Wirkung erzielt hätte, die sie letztendlich erzielt hat.

Mich persönlich hat allerdings auch immer ein anderer Charakter in diesem Zusammenhang fasziniert, Rosa Parks. Rosa Parks wurde als sanftmütige, ruhige, ja sogar scheue Persönlichkeit beschrieben, die immer freundlich und leise sprach.

Aber am 1. Dezember 1955 änderte diese Frau die Geschichte. Sie hatte sich nach einem anstrengenden Arbeitstag auf der Heimfahrt im Bus – aufgrund von Überfüllung – in die erste Reihe gesetzt, die zu dieser Zeit nur Weißen vorbehalten war.

Auf die Aufforderung des Busfahrers hin sich nach hinten zu setzen, reagierte diese stille, sanftmütige Frau mit einem schlichten „Nein“. Selbst die Androhung die Polizei zu rufen, konnte diese Frau nicht von ihrem Entschluss abbringen.

Der Rest ist Geschichte. Die darauffolgende Verhaftung und Verurteilung wegen zivilen Ungehorsams von Rosa Parks war der Start der landesweiten Bürgerrechtsproteste. Diese kleine, zierliche und ruhige Frau änderte durch ihren Mut und ihre Standhaftigkeit den Lauf der Geschichte.

Ich glaube ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass Rosa Parks nach der gängigen Meinung einem introvertierten Charakter entsprach, während Martín Luther King dagegen, zumindest als öffentliche Person, eher extravertiert erscheint.

Für mich gefühlt, glauben wir heute das Ideal eines Menschen in unserer Welt muss von Extraversion geprägt sein. Nur extravertierte Menschen können sich durchsetzen und erreichen etwas im Leben. Schon in der Schule erzählen wir Kindern, sie müssen aufgeweckt sein, sich rege am Unterricht beteiligen und aufmerksam sein.

Wenn es still in der Ecke sitzt, sich mit seinen Gedanken beschäftigt und sich nicht an den Spielen auf dem Schulhof beteiligt, wird dieses Verhalten eher argwöhnisch betrachtet.

Auch Eigenschaften wie Mut und die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen werden extravertierten Menschen zugerechnet. Wir sprechen dann gerne von Alphatieren, die vorangehen und durch ihr Charisma andere Menschen mitreißen.

Aber ist das wirklich so?

Schauen wir hierzu noch mal auf Rosa Parks und Martin Luther King. Es brauchte sicherlich Mut und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, um sich wie Martin Luther King als Führer der Bürgerrechtsbewegung an die Spitze eben dieser zu setzen.

Aber brauchte es vielleicht nicht genauso viel, wenn nicht noch mehr Mut, in einem Bus voller fremder Leute ganz allein für seine Überzeugung einzustehen und auch bei Druckausübung ohne Beistand durch andere an ihnen festzuhalten, sowie Rosa Parks es tat?

Ich persönlich kann diese Frage nicht mit letztendlicher Sicherheit beantworten. Aber es zeigt, dass auch Introvertierte Menschen Stärken haben, die, so glaube ich, viel zu oft ungenutzt bleiben, weil wir introvertierten Menschen einreden wollen, sie müssen sich extravertiert verhalten, um im Leben weiter zu kommen.

Was bedeutet Introversion und Extraversion?

„Obwohl ich ein geselliger Mensch bin, liebe ich die Einsamkeit noch mehr. Ich begrüße die Gelegenheit, allein zu sein, um zu denken, zu überlegen, zu planen.“

Dieser Satz von Nelson Mandela beschreibt für mich persönlich sehr schön einen Teil der Definition von Introversion. Ich habe einmal gelesen, dass extravertierte Menschen ihre Energie aus der Gruppe und dem Zusammensein mit anderen Menschen ziehen. Sind sie allein fällt ihr Energiepegel eher ab.

Introvertierte Menschen dagegen geben in einer Gruppe Energie an andere Menschen ab. Sie benötigen somit verstärkt Zeit für sich selbst, um ihren Energiepegel wieder aufzuladen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie sich in einer Gruppe unwohl fühlen.

Wertungsfrei bedeutet das, extravertierte Menschen sind eher nach außen gerichtet. Sie haben ständig ihre Antennen ausgefahren und sind empfänglich für externe Reize. Introvertierte Menschen richten ihre psychische Energie nach innen und sind dadurch externen Reizen gegenüber unempfindlich.

Extrovertierte werden in der Regel als aktiv empfunden hinsichtlich sozialer Kontakte sowie bei der Lösung von praktischen Problemen. Demgegenüber kann das Selbstvertrauen anfälliger sein, als man denkt. Die Souveränität im Umgang mit Menschen lässt Extrovertierte manche Schwierigkeit leichter bewältigen. Jedoch droht ein tiefer Absturz, wenn durch eigene Fehler oder Schicksalsschläge ihr soziales Netzwerk sie nicht mehr trägt. Hier kann das nach Außen orientierte dazu führen, dass ihnen der innere Halt fehlt.

Die Zurückhaltung von introvertierten Menschen versetzt sie oft in die Lage, Probleme, die mehr theoretisches Wissen erfordern, kompetent und zielführend zu lösen. Die größte Gefahr ist hierbei, die Entscheidung nicht treffen zu können. Introvertierte neigen dazu ihr Handeln noch ein zweites und drittes Mal abzusichern oder nochmal zwei Nächte drüber zu schlafen, bevor sie sich entscheiden.

Allerdings wird es schwierig nach Allem, was ich zu dem Thema gelesen habe auf der Grundlage von bestimmten Bewertungskriterien zu bestimmen, ob ein Mensch introvertiert oder extravertiert ist.

Eine gängige Meinung gegenüber extravertierten Menschen ist beispielsweise, dass sie sich in Gruppen wohl fühlen und, dass sie überhaupt kein Problem haben, vor einer großen Menge von Menschen eine Rede zu halten.

Ich kann dir dazu einen Einblick in meinen Charakter geben. Ich rede sehr gern vor Leuten, mancher meiner Freunde behauptet sogar, ich höre mich selbst gerne reden. Allerdings halte ich es wie Nelson Mendela oben. Ich brauche – sogar in regelmäßigen Abständen – Zeit für mich allein, um Energie aufzutanken und Eindrücke für mich zu verarbeiten. Des Weiteren empfinde ich Gruppenevents oder Small Talk zumeist als anstrengend, obwohl ich mich dabei nicht unwohl fühle. Allerdings ziehe ich persönliche Gespräche vor.

Hier zeigen sich zwei vermeintlich gegensätzliche Charakterzüge, zum einen das extrovertierte Reden vor anderen Leuten und zum anderen das Wohlfühlen mehr im Zweiaugengespräch sowie das Alleinsein gegenüber dem Zeit verbringen in einer großen Gruppe.

Weißt ein Charakter extra- wie introvertierte Züge ungefähr im Gleichgewicht auf, so nennt man das ambivertiert. Wahrscheinich ordnen sich sogar die meisten Menschen mit verschiedenen Ausprägungen in diesen ambivertierten Bereich ein.

Kurzfragebogen zur Ausprägung Introversion und Extraversion

Damit du deinen Charakter einordnen kannst, stellen wir in unserem Downloadbereich einen Fragebogen zur Verfügung, der dir helfen kann, einen ersten Eindruck bezüglich deiner Persönlichkeit zu erlangen

Das gesellschaftliche Ideal der Extraversion

Man schaue sich nur Fernsehshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder andere Casting Shows an. Sie zeigen uns eins, der Idealmensch unserer Zeit ist gesellig, kontaktfreudig und präsentiert sich gerne.

Vor allem in der Wirtschaft gilt das Lautsein als Erfolgsgarant. Bereits Anfang der 2000er wies der Psychologe Timothy Judge in Studien nach, dass die Wahrscheinlichkeit für Personen, die dem extravertierten Ideal entsprechen die Wahrscheinlichkeit eine Führungsposition zu erreichen wesentlich höher ist.

Führungspersonen sind demnach charismatisch, risikofreudig, einfach ein Alphatier. Sie arbeiten gut im Team und sind gern unter Leuten. Momente der Stille nutzten sie, um zu twittern und andere soziale Interaktionen. Wichtig dabei ist, nicht allein zu sein.

Aber es gibt viele Menschen, die anders sind. Sie sprechen nicht gerne vor vielen Menschen, sind nicht gut im Smalltalk. Netzwerken ist ihnen ein Gräuel. Momente der Stille brauchen sie, um sich vom allgegenwärtigen Lärm zu erholen. Wichtig dabei ist, allein zu sein.

Das Problem heutzutage ist, dass Eltern sich Sorgen machen, wenn sie den Eindruck haben, dass das eigene Kind, zu wenig durchsetzungsfähig ist, wenn er viel Zeit allein mit seinen Gedanken verbringt. Wer ruhebedürftig und zurückhaltend ist, der wird es aus dieser Sicht schwer haben im Leben.

Allerdings sind introvertierte Menschen nicht zwangsläufig schüchterne Menschen. Schüchterne Menschen haben Angst, vor Mitmenschen zu scheitern. Dies hängt vom Selbstbewusstsein ab und kann bei introvertierten wie extrovertierten Menschen auftreten. Introvertierte haben nicht per se Angst zu scheitern. Sie ertragen soziale Kontakte nur nicht in großen Dosierungen. Die Gesellschaft vieler Menschen ermüdet sie schneller, sie sehnen sich häufiger nach Ruhe.

Uns wird suggeriert, dass wir immer kommunikationsfreudig, anderen gegenüber aufgeschlossen und mitteilsam sein müssen. Somit werden introvertierten Menschen extrovertierte Eigenschaften anerzogen. Man geht in der Wissenschaft mittlerweile davon aus, dass ein Drittel bis die Hälfte der Menschen in einer Gesellschaft grundsätzlich introvertiert ist. Allerdings glauben wir, die Extrovertierten wären in der Mehrheit, da sie in unserer Gesellschaft so viel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein großer kultureller Vorbehalt gegen Introvertierte entwickelt. Dabei befindet man sich als Introvertierter in bester Gesellschaft: Der Physiker Albert Einstein, der ehemalige Präsident Abraham Lincoln, der Microsoft-Gründer Bill Gates, der Regisseur Steven Spielberg waren oder sind alle als introvertierte Charaktere bekannt.

Warum geben wir introvertierten Menschen also trotzdem immer wieder das Gefühl, aufgrund ihrer Charakterzüge nicht gut genug zu sein?

Was bedeutet das für mich und uns?

Sollte es in diesem Artikel so herübergekommen sein, dass Introversion etwas Gutes uns Extraversion etwas Schlechtes ist, möchte ich hier noch einmal klarstellen, dass das absolut nicht meine Absicht war.

Introversion und Extraversion sind für mich wie zwei Seiten einer Medaille, wie Yin und Yang. Es muss in der Welt ein Gleichgewicht zwischen beiden geben. Erinnern wir uns zum Beispiel an die Geschichte des Unternehmens Apple, die stets mit dem Namen von Steve Jobs, einem aus meiner Sicht eher extravertierten Menschen, verbunden sein wird.

Allerdings wäre das Unternehmen niemals so erfolgreich geworden, wäre im Hintergrund nicht Stephen Wozniak als technischer Umsetzer aktiv gewesen und hätte die technischen Visionen in der Praxis umgesetzt. Wozniak zeigt zumindest aus meiner Sicht, bei allem, dass ich über ihn gelesen habe, Anzeichen für eine stark introvertierte Persönlichkeit.

Wir brauchen also beides in der Welt, introvertierte wie extravertierte Menschen und zusammen können beide Seiten davon profitieren. Allerdings scheint das Gewicht momentan stärker auf Seiten der Extraversion zu sein.

Aber wenn wir in Zukunft vielleicht mehr auf die introvertierten Menschen hören, ihre Stimmen mehr hervortreten lassen, in der Erziehung bei unseren Kindern verstärkt darauf achten, auch ihrem introvertierten Teil den Freiraum zu lassen; vielleicht werden wir dann feststellen, dass wir alle davon profitieren werden, sei es im Privaten oder Beruflichen.

Ich zumindest kann für mich behaupten, das ich gelernt habe meinen introvertierten Teil zu schätzen und ich das Glück habe, viele Menschen mit zumindest teilweise introvertiertem Charakter zu kennen, die mir als Freunde immer gutem Rat zu Seite stehen.

Deshalb kann ich dich nur ermutigen und einladen, dich selbst diesbezüglich besser kennenzulernen und auch als extravertierter Mensch vielleicht ab zu uns auf den Rat der ruhigen und zurückhaltenden Menschen zu hören. Sie haben viel Gutes und Wahres zu sagen.

Euer Tim

Bildquelle:
"Enjoying the sunset on a bench" ©Smileus@fotolia.com
Quellen:
1. Mandela, Nelson. Der lange Weg zur Freiheit: Autobiographie. FISCHER E-Books. Kindle-Version.
2. Cain, Susan. Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt. Riemann Verlag. Kindle-Version.
3. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-87818628.html, Die Kraft der Stille; Artikel vom 20.08.2012

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